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IS-Strategie für Europa

28.03.2016 - Florian Rötzer

Autonome Zellen, die im Stil von Spezialeinheiten wie in Paris oder Brüssel möglichst viele Anschläge ausführen sollen

Mittlerweile ist nicht nur klar, dass die Attentäter von Brüssel in Verbindung mit denen standen, die die Anschläge in Paris ausgeführt haben, sondern auch, dass die islamistischen Terroristen längst damit begonnen haben, aus den Kernländern Anschläge in Europa zu planen. Dazu werden Europäer eingesetzt, die nach Syrien oder in andere Länder gereist sind, um sich dem "Islamischen Staat" anzuschließen. Aber die europäischen IS-Anhänger bauen auch Netze mit im Inland radikalisierten, oft befreundeten Personen auf.

Ursprüngliches Bild:
Aus einem IS-Video über den Anschlag unter dem Titel des Koranverses 1:104: "Und lasset nicht nach, die Schar (der Ungläubigen) aufzuspüren. Leidet ihr, so leiden sie gerade so, wie ihr leidet. Doch ihr erhoffet von Allah, was sie nicht erhoffen. Und Allah ist Allwissend, Allweise." In dem Film werden die Anschläge als Rache auf die Luftangriffe des Westens dargestellt.

Der US-Verteidigungsminister Ash Carter vergleicht in letzter Zeit gerne den "Islamischen Staat" mit einem Krebs, der sich von Syrien und dem Irak ausbreitet und in anderen Ländern Metastasen bildet. Dabei hat er einen neuen medizinischen Begriff erfunden: den "parent tumor", womit der Ort gemeint ist, an dem der Krebs des Terrorismus entstanden ist oder sich entwickelt hat. Den hat man bislang als "sicheren Hafen" bezeichnet, also als einen Rückzugsraum, was aber zu passiv klingt.

Der Fachbegriff für den "parent tumor" lautet eigentlich "Primärtumor", aber Carter findet es offensichtlich einprägsamer, von einem sich reproduzierenden "Elternkrebs" zu sprechen, dessen "Kinder" die Metastasen sind. Allerdings ist das Bild schief, nicht zuletzt deswegen, weil es suggeriert, Terrorismus sei eine Krankheit, die einfach so ausbricht, zumindest dann, wenn Ursachen nicht angegeben werden, sondern es nur um die Therapie der Bekämpfung geht. Zudem suggeriert das Bild, dass die Krankheit bzw. deren Ursache lokal zu verorten sei.

Selbst wenn der Krebs eine sinnvolle Metapher oder Analogie für die Ausbreitung des Terrorismus sein würde, wäre der Primärtumor für den "Islamischen Staat" und die anderen al-Qaida- und salafistischen Gruppen im Irak und in Syrien wohl in Afghanistan und in Pakistan zu suchen. Erst nach der Zerschlagung des Taliban-Regimes sprang der islamistische Terrorismus auf den Irak über und führte unter al-Zarkawi zur Gründung von al-Qaida im Irak, woraus schließlich der "Islamische Staat" auf der einen Seite und al-Nusra in Syrien auf der anderen Seite entstanden ist. Allerdings waren die Taliban ebenso wie al-Qaida auch Tumore, die in Afghanistan und Pakistan durch tatkräftige Hebammenhilfe von Saudi-Arabien und dem pakistanischen Geheimdienst im Zusammenwirken mit der CIA entstanden sind.

Carter will mit seinem Bild vom "parent tumor" hingegen sagen, dass es am wichtigsten ist, diesen im Irak und Syrien mit den Kernen Mosul und Raqqa zu zerstören, wozu neben den internationalen Anstrengungen vor allem lokale Kräfte befähigt werden müssten. Dazu müssten alle Metastasen weltweit überall dort, wo sie auftauchen, vernichtet werden, beispielsweise in Nordafrika, Jemen oder Afghanistan. Da kein Land immun sei, seien alle verpflichtet, den Kampf der USA zu unterstützen. Ähnlich wie der Tumor müssten daher auch die USA und ihre Alliierten ein transnationales Netzwerk ausbilden, um die Metastasenbildung zu bekämpfen. Diese Ausbreitung wird selbstverständlich nicht im Bild von Tumoren und Metastasen dargestellt. Und als dritte Maßnahme müsse das eigene Land geschützt werden, also das Immunsystem gestärkt werden, um im pathologischen Bild zu bleiben.

Das Bild des Tumors, das zur Charakterisierung des Islamischen Staats verwendet wird, müsste zumindest externe Ursachen und lokale Schwächen benennen, aber auch klar machen, was herausgeschnitten werden muss, um den Krebs zu beseitigen. Schließlich können sich der "Islamische Staat", al-Qaida oder andere islamistische Gruppen nur dort ansiedeln, wo das "Gewebe", also die Bevölkerung vor Ort, dies zulässt. Dass Carter vermeidet, darüber zu sprechen, warum sich Metastasen ausbilden können, ist bezeichnend für einen Ansatz, der nicht die Ursachen beseitigen, sondern nur die Symptome, in diesem Fall die "Krankheit", eliminieren will.

Das Phänomen des islamistischen Terrorismus mit seiner salafistischen Utopie eines transnationalen Gottesstaates, der von Ungläubigen gereinigt ist, wird nicht nur aus dem Zusammenwirken von autoritären lokalen Regimen, dem fundamentalistischen Islam und westlichen Interventionen verstärkt, sondern auch aus einer Unzufriedenheit von jungen Menschen meist mit muslimischen Hintergrund in den westlichen Ländern. Sie wollen teilhaben an dem "Befreiungskampf" oder Widerstand gegen eine angeblich unterdrückte sunnitische Bevölkerung und glauben in einer romantischen Revolte, für eine bessere Welt zu kämpfen, die nun nicht mehr säkular, freiheitlich und links, sondern religiös, dogmatisch und konservativ sowie vor allem kaltblütig antihumanistisch gewendet ist.

"Aktionskommando" für Anschläge in Europa aus besonders geschulten Rückkehrern

Die berechtigte Sorge besteht, dass gerade angesichts der Niederlagen, die der IS gegenwärtig sowohl im Irak als auch in Syrien erfährt und Angriffe auf Mosul und Raqqa drohen, in andere Länder ausweicht und plant, vermehrt in Europa Anschläge auszuführen. Während sich aus den USA nur etwa 100 Menschen dem IS angeschlossen haben sollen, dürften es aus Europa Tausende sein, die meisten aus Frankreich und Belgien, Deutschland und Großbritannien, aber auch aus Spanien und Schweden, viele auch aus Russland und der Türkei.

Die Nachrichtenagentur AP will von europäischen und irakischen Geheimdienstmitarbeitern und anderen Quellen erfahren haben, dass der IS mindestens 400 Männer - die Schätzungen reichen von 400 bis 600 - in Lagern im Irak, in Syrien, in Nordafrika und Ländern des ehemaligen Ostblocks ausgebildet haben und teilweise bereits zurückgeschleust haben soll, die in semiautonomen Zellen Anschläge wie zuletzt in Paris und Brüssel vorbereiten und bei günstiger Gelegenheit ausführen sollen.

Das ISW geht von 600 Kämpfern aus und spricht von einer "europäischen Kampagne". Längere Zeit gingen Sicherheitsbehörden davon aus, dass die größere Gefahr von "lone wolves" und "homegrown terrorists" in Europa ausgehe, jetzt scheint man eher zu befürchten, dass es kleine, gut geschulte Gruppen sind, die meist aus Rückkehrern bestehen, über Europa verstreut sein und autonom von der IS-Führung agieren könnten.

Ursprüngliches Bild:
In dem IS-Video über die Anschläge in Brüssel wird gezeigt, wie IS-Mitglieder Süßigkeiten und Flugblätter zur Feier in Deir Ezzor verteilen, in Gesprächen äußern sich Menschen positiv.

Dass die Terroristen ihre Anschläge in Ruhe planen und damit auf ein Netzwerk von Anhängern, Sympathisanten und Mitläufern setzen können, haben die Zellen in Paris und Brüssel demonstriert. Dafür spricht auch, dass Abdeslam, der als überlebender Mittäter des Anschlags im November bis vor kurzem in Molenbeek untertauchen und dort vermutlich die nach seiner Ergreifung in Brüssel ausgeführten Anschläge mit vorbereiten konnte, obgleich seine Name und sein Gesicht überall bekannt waren.

Der IS hat in seinem Bekennerposting zu den Brüsseler Anschlägen von einer "Geheimzelle von Soldaten" gesprochen, die in Brüssel für den Anschlag stationiert worden seien. Europol hatte bereits im Januar erklärt, dass der IS ein "externes Aktionskommando" eingerichtet habe, das "für internationale Angriffe im Stil von Spezialeinheiten ausgebildet" wurde. Man müsse mit weiteren Angriffen rechnen. Es gebe aber keine Hinweise darauf, dass die Terroristen "systematisch den Flüchtlingsstrom nutzen, um unbemerkt nach Europa zu kommen".

Nach den AP-Informationen von einem Informanten sollen vor allem französisch sprechende Männer, darunter auch Konvertiten, die Zellen führen. Einige der ausgebildeten Kämpfer seien nach dem Verlassen des IS-Territoriums festgenommen worden, manche wurden auch vom IS verstoßen. Ausgebildet worden seien sie für den Kampf, im Umgang mit Sprengstoff sowie für Überwachungstechniken und der Abwehr von Überwachung. Früher seien sie nur kurz trainiert worden, jetzt seien eben Spezialeinheiten gegründet worden, die gründlicher ausgebildet werden. Sie sollen angeblich nicht mehr so viele Menschen wie möglich töten, sondern so viele Anschläge wie möglich ausführen. Und sie sollen auch ganz unabhängig operieren.

Ziel scheint es zu sein, den Zerfall der EU zu befördern. In einem IS-Pamphlet zu den Anschlägen in Paris ist davon die Rede, den Zusammenhalt in Europa geschwächt und ein Abrücken vom Schengen-Abkommen befördert zu haben. Zudem würden die Anschläge Panik in der Bevölkerung auslösen und die Staaten veranlassen, viele Milliarden für die Sicherheit auszugeben. Die Reaktionen Frankreichs auf die Anschläge - die Schließung der Grenzen, die Einführung des Ausnahmezustandes, mehr Stellen für Polizei etc. - werden als Erfolge verbucht. Nach dem ISW gibt es auch weiterhin funktionierende Netzwerke in Spanien, Italien und auf dem Balkan. Der "Islamische Staat" scheine auch die Stärkung von rechten Bewegungen zu beabsichtigen, um die Instabilität in Europa zu fördern.

Die Beobachtung von Mitarbeitern, die in belgischen AKW arbeiten, bzw. die exekutionsartige Ermordung eines Wachmannes am vergangenen Donnerstag nach den Anschlägen in Brüssel könnte darauf hinweisen, dass die Zelle trotz der Festnahmen aktiv ist und weitere Anschläge geplant sind (Steigt die Terrorgefahr für Atomkraftwerke?). Befürchtet wird, die Terroristen könnten beabsichtigen, mit Material aus einem AKW erstmals eine schmutzige Bombe zu zünden. Die belgische Polizei geht allerdings nicht davon aus, dass der Mord mit Terrorismus zusammenhängt.